Schneekanonen im Wettersteingebirge

Schneekanonen: Wintertourismus im Zeitalter des Klimawandels

Alle Prognosen über den Klimawandel werden übertroffen: Er verläuft viel schneller als erwartet.

Die Häufung wärmerer Winter stellt bereits eine „ernste Gefahr für die Schneesicherheit in den Skigebieten der Alpen und folglich für die wintersportorientierte regionale Wirtschaft“dar. Eine Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung(OECD, 2006) bezeichnet die Lage für die deutschen Skigebiete als besonders ernst: Nahe zu alle Skigebiete in Deutschland müssen durch den Klimawandel um ihre Schneesicherheit fürchten. Bei einem weiteren Temperatur-Anstieg um nur ein Grad wird die Zahlder schneesicheren Ski-Gebiete in Deutschland bereits um 60 Prozent sinken. Steigt dieTemperatur um 4° C an, werdenletztlich wohl nur die Skipisten auf der Zugspitze und vielleicht auf dem Nebelhorn übrig bleiben. „Schneesicherheit“ ist für die alpinen Wintersportgemeinden zum Symbol dessen geworden, woran es am meisten mangelt: an einergeschlossene Schneedecke, die in der Zeitvom 1. Dezember bis 15. April an mindestens 100 Tagen und in einer Dicke von etwa 30 bis 50 cm liegen bleibt. Dies sollte in sieben von zehn Wintern der Fall sein, um das Prädikat „schneesicher“ zu erhalten. Eigentlich gilt diese Definition für Naturschnee. Jetzt soll diese „Schneesicherheit“ aus der Maschine kommen. Noch in den siebziger Jahren waren die Winter so kalt, dass nicht nur in den Alpen, sondern auch um München herum regelmäßig Volksskiläufe veranstaltet wurden. Mit Beginn der Achtzigerjahre fielen diese immer häufiger dem Schneemangel zum Opfer. Auch bekannte Weltcupskirennen wie z. B. in Garmisch-Partenkirchen mussten immer wieder abgesagt werden. Da das Image „Wintersport“ und die Kommerzialisierung des Skisports eine Bereitstellung von Schnee - unabhängig von Wetter und Klima – verlangt, werden den Klimaprognosen zum Trotz die Beschneiungsanlagen ausgebaut. In Bayern hat diese Aufrüstung mit Schneekanonen in den letzten Jahren ein Ausmaß angenommen, das die Befürchtungen der Naturschutzverbände weit übertrifft. Nicht nur die Anzahl der Gebiete und die Größe der Beschneiungsanlagen nahm und nimmt ungebrochen zu, auch die „Grundsätze für die Genehmigung und den Betrieb von Beschneiungsanlagen“ wurden entscheidend gelockert. So soll ein Winter suggeriert werden, der sich wegen des Klimawandels mehr und mehr verabschiedet. Schneereiche Winter, die vor allem durch Energieverschwendung und ihre Folgen immer seltener werden, sollen für eine Übergangszeit durch weitere Energieverschwendung zurückgekauft werden. Die künstliche Beschneiung fördert die Illusion von weitgehender Machbarkeit, aber dieses Konzept gerät schnell an seine Grenzen.

Es wird ein Wettlauf mit der Zeit. Im Winter 2006/2007 war es so warm, dass auch die Schneekanonen nicht mehr nützten. Schon bei der Eröffnung der „schlagkräftigsten Beschneiungsanlage Deutschlands“ (Pressetext) im Dezember 2006 hatte es Plusgrade. Das Skigebiet Spitzingsee war für über 10 Mio. € mit Speichersee und 25 neu installierten Schneekanonen an der Suttenabfahrt ausgebaut worden. Aber nur an zwei Tagen Mitte Dezember konnte „richtig beschneit“ werden – vorher und danach war es zu warm. Anfang Januar wurden die Lifte an der Suttenabfahrt sogar abgestellt – wegen zu hoher Temperaturen. Erst Ende Januar kam der Schnee – natürlich. Der Klimawandel führt aber nicht nur zur Erwärmung, sondern auch zu extremeren Wetterereignissen, wie längeren Wärme- und Trockenperioden auch im Winter oder Starkniederschlägen als Regen oder Schnee.

Die Häufung von Extremereignissen hat sich im Jahr 2006 besonders deutlich gezeigt: Gewaltige Schneemengen im Frühjahr 2006 hatten die Nutzung der Skiabfahrten eingeschränkt - die Schneekanonen waren eingeschneit. Im November und Dezember konnte ebenfalls kaum beschneit werden, da es zu warm war. Neben der hohen Temperatur war auch der geringe Niederschlag ein Grund, warum Naturschnee ausblieb. Nach Klimaprognosen werden solche Wetterschwankungen immer größer, die Ausreißer in beide Richtungen extremer. Auch „Jahrhundert-Hochwasser“ kommen immerhäufiger. All das spricht gegen den weiteren Ausbau von Beschneiungsanlagen: Ein intakter Bergwald speichert um bis zu 90% mehr Wasser als eine Skipiste. Durch den Kunstschnee werden die Schmelzwasserabflüsse im Frühjahr stark erhöht. Das trägt zu Überschwemmungen bei und schafft die Sanierungsflächen von morgen. Da Naturkatastrophen an Zahl und Ausmaß dramatisch zunehmen werden, muss der Hochwasserschutz und der Schutz vor Steinschlag durch bestockte Bergwaldflächen undreiche Hochlagenvegetation absoluten Vorrang vor neuen Wintersporterschließungen haben. Die technischen Eingriffe in die empfindlichen Berg-Ökosysteme müssen zudem im Hinblick auf die Artenvielfalt und deren Überlebensmöglichkeiten in Zeiten des Klimawandels besonders kritisch hinterfragt werden. Neben ökologischen Schäden führt der Ausbau der Beschneiungsanlagen auch zu wirtschaftlichen Risiken. Die Konkurrenz im Tourismus ist hart, in der Branche wird knapp kalkuliert, und gerade die Winter-Saison muss Gewinne abwerfen. Da die Investitionen für Bau und Unterhalt von Beschneiungsanlagen sehr hoch sind, will man Ausfälle um jeden Preis vermeiden. Ob sich die Investitionen lohnen, ist fraglich.

Für Beschneiungsanlagen werden meist keine Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt. Warme Wintermonate mit stillstehenden Schneekanonen führen unweigerlich zur Verschuldung von Gemeindenund Skigebieten. Und immer häufiger werden Zuschüsse aus Steuermitteln gewährt. "Unternehmen haben das Recht, Fehlinvestitionen zu leisten. In den Alpen finanziert aber die öffentliche Hand diese Investitionen häufig mit. Und verzweifelte Erschließungen unberührter Landschaften zerstören ein Gut, das nicht einigen Wenigen gehört.“ (Andreas Götz, in: CIPRA INFO 81/2006) – und sie verhindern die notwendige nachhaltige Anpassung an Klimawandel, Klimaschutz und ein „Masterplan“ für den Winter- und Sommer-Tourismus im bayerischen Alpenraum. „Derzeit wird noch viel zu viel auf Technologie und zu wenig auf einen Strategiewechsel im Tourismusmarketing gesetzt. Künstliche Beschneiung mag unter gegebenen Bedingungen für die Betreiber noch wirtschaftlich sein, doch die Anlagen verbrauchen enorme Mengen an Wasser und Energie und die Beschneiung beeinflusst Landschaft und Umwelt. Wenn die Temperaturen weiter steigen, dürfte künstliche Beschneiung weit teurer werden und ab einem bestimmten Niveau nicht mehr rentabel .“ Dieses Zitat entstammt keiner Pressemitteilung des BN, sondern der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, Dez. 2006).

Die ökologischen und ökonomischen Gründe sprechen gegen Schneekanonen. Dies macht die Forderungen, die der Bund Naturschutz (BN) seit mehr als 10 Jahren vorbringt, aktueller und notwendiger denn je. mehr